Mentale Gesundheit: Vom Tabuthema zum Wettbewerbsvorteil
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Mentale Gesundheit: Vom Tabuthema zum Wettbewerbsvorteil

16. Januar 2026
Sarah Rögner
Sarah Rögner
Perwiss-Expertin für Arbeits- und Organisationspsychologie

Die Schnelllebigkeit der Arbeitswelt und die damit einhergehenden stetigen Veränderungen stellen hohe Anforderungen an Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Zahlreiche Arbeitnehmer sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, trotz ständiger Veränderungen Schritt zu halten und dabei nicht die Grenzen der eigenen Belastbarkeit zu überschreiten. Arbeitgeber sehen sich, gerade in besonders dynamischen Branchen, mit hoher Fluktuation und zahlreichen krankheitsbedingten Ausfällen ihrer Mitarbeiter konfrontiert. Der Erhalt der Mitarbeitergesundheit, insbesondere der mentalen Gesundheit, wird somit zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Unternehmen, die die psychische Gesundheit im Blick haben, profitieren von einer stärkeren Bindung und Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden. Ein Gespür für die mentale Gesundheit der Belegschaft kann somit zum echten Benefit für alle Beteiligten werden.

Was ist mentale Gesundheit?

Um den Begriff der mentalen Gesundheit zu definieren, ist es sinnvoll, zuerst "Gesundheit" zu definieren. Denn mittlerweile ist weithin bekannt, dass Gesundheit mehr ist, als lediglich die Abwesenheit von Krankheit. Die World Health Organization (WHO) versteht unter Gesundheit einen Zustand des Wohlbefindens, der sich auf körperliche, mentale und soziale Aspekte bezieht. Mentale Gesundheit ist somit als ein Bestandteil und als eine Voraussetzung für allgemeine Gesundheit zu verstehen.

Konkret definiert die WHO mentale Gesundheit folgendermaßen: Zustand, in dem...

  • individuelle Potenziale verwirklicht werden können,

  • der Umgang mit alltäglichen Belastungen gelingt,

  • produktive Arbeit möglich ist und

  • das Individuum einen Beitrag für die Gemeinschaft leisten kann

Quelle: World Health Organization (abgerufen am 07.01.2026)

Warum ist mentale Gesundheit am Arbeitsplatz wichtig?

Dass psychische Faktoren sich auf die Leistungsfähigkeit auswirken können, ist weithin bekannt. Dem Fehlzeiten Report 2024 ist zu entnehmen, dass die krankheitsbedingten Fehlzeiten von Arbeitnehmern bei psychischen Erkrankungen am längsten sind. Aktuellen Prognosen aus dem Bereich der Forschung zufolge ist weiterhin ein stetiger Anstieg von Krankheitsfällen mit psychischer Ursache zu erwarten.

Aus diesem Grund ist es notwendig, das mentale Wohlbefinden von Menschen auch am Arbeitsplatz in den Blick zu nehmen. Dabei ist es wichtig, mentale Gesundheit als Kontinuum zu verstehen, statt nur Krankheit und Gesundheit voneinander abzugrenzen. Krankheit und Gesundheit stellen zwei Pole an entgegengesetzten Enden des Kontinuums dar, wobei der Zustand der Gesundheit nur durch mentales Wohlbefinden erreicht werden kann. Bei mentaler Gesundheit im Arbeitskontext geht es also um mehr, als nur die Vermeidung von Krankheit. Mentale Gesundheit dient der Aufrechterhaltung der allgemeinen Gesundheit und beeinflusst somit auch Motivation und Leistungsfähigkeit.

Quelle: Fehlzeitenreport 2024: 2024: Bindung und Gesundheit – Fachkräfte gewinnen und halten | Fehlzeiten-Report | Buchreihen | WIdO – Wissenschaftliches Institut der AOK (abgerufen am 07.01.2026)

Bildnachweis: Eigene Darstellung der Perwiss-Redaktion

Rolle der Führung: Mentale Gesundheit im Arbeitsalltag

Die Führung ist ein zentraler Einflussfaktor auf die Unternehmenskultur. Denn Führungskräfte fungieren als Vorbild für ihre Mitarbeiter. Was sie vorleben, gilt als unausgesprochene Erwartung für das ganze Team. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, als Führungskraft zu wissen, wie mentale Gesundheit im Arbeitsalltag geschützt werden kann. Grundlegende Bausteine einer Führung, die mentale Gesundheit ermöglicht und fördert, sind folgende:

  • Klare Kommunikation (auch von Erwartungen)

  • Herstellen von psychologischer Sicherheit, anstatt einer Kultur des "Durchhaltens"

  • Schaffen von Sinn, Autonomie und Handlungsspielräumen (Stichwort: Vertrauen!)

  • Kritische Reflexion eigener Führungsfehler mit negativer mentaler Wirkung

Führungsfehler, die mentales Wohlbefinden belasten

Insbesondere das kritische Hinterfragen des eigenen Führungsverhaltens kann ein Hebel für die Verbesserung der Kultur und des Miteinanders sein. Typische Führungsfehler, die sich negativ auf die Psyche von Mitarbeitern auswirken können, sind nachfolgend aufgelistet. 

Ständige Erreichbarkeit

Bei Mitarbeitern kann der Eindruck entstehen, dass auch von ihnen ständige Erreichbarkeit verlangt wird. Dies belastet die Work-Life-Balance und erschwert das "Abschalten" nach der Arbeit, das für die Regeneration wichtig wäre. Führungskräfte sollten klar kommunizieren, wann und wie Mitarbeiter erreichbar sein sollten. Darüber hinaus sollten Führungskräfte sich ihrer Rolle als Vorbild bewusst sein und mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie keine stetige Erreichbarkeit vorleben.

Widersprüchliche Ziele und Erwartungen

Neigen Führungskräfte dazu, Ziele und Erwartungen intransparent zu kommunizieren oder ohne Angabe von Gründen zu revidieren, führt dies bei vielen Mitarbeitern zu Frustration. Es kommt zu Blindleistungen, Mehrarbeit und Unsicherheit. Gerade die Unsicherheit durch unklare Erwartungen kann bei Mitarbeitern erhöhten Stress auslösen und das mentale Wohlbefinden stark einschränken. Abnehmende Motivation und auch weniger Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit sind häufige Folgen. Führungskräfte können dies durch klare Kommunikation vermeiden. Eine Anpassung von Zielen oder Erwartungen ist bei Bedarf sinnvoll, muss jedoch für alle nachvollziehbar kommuniziert werden.

Mikromanagement

Ein typischer Führungsfehler, der zu einer Belastung des mentalen Wohlbefindens führt, ist Mikromanagement. Dieser Führungsstil ist von fehlendem Vertrauen geprägt, das sich durch übermäßige Kontrolle äußert. Führungskräfte reißen dabei Aufgaben an sich, die nicht ihrem eigentlichen Aufgabenfeld entsprechen, um sie gemäß ihrer Detailorientierung selbst zu erledigen. Mikromanagement kann sich allerdings auch durch sehr häufige Nachfragen zum Stand von Aufgaben oder übermäßig detaillierten Arbeitsaufträgen äußern. Beides ist sehr frustrierend und verursacht vermeidbaren Stress, sowohl für die Führungskraft, als auch den Mitarbeiter. Mikromanagement kann durch klärende Gespräche zur Arbeitsaufteilung und Mut zur Delegation von Aufgaben vermieden werden.

Mentale Gesundheit als Tabuthema

Obwohl mentale Gesundheit eines der wichtigsten Themen in der modernen Arbeitswelt darstellt, wird es am Arbeitsplatz kaum thematisiert. Mentale Belastung und die daraus resultierenden Gesundheitsprobleme werden von Betroffenen selten angesprochen. Führungskräfte erfahren von den daraus erwachsenen Erkrankungen oftmals erst, wenn ein Arbeitnehmer sich arbeitsunfähig meldet. Ist das mentale Wohlbefinden beeinträchtigt, entstehen durch Stress am Arbeitsplatz häufig ernstzunehmende Erkrankungen. Beispiele hierfür sind Angststörungen, Depressionen oder Burnout, welche eine lange Zeit der Arbeitsunfähigkeit mit sich bringen können.

Lange Krankheitsphasen von Mitarbeitern werden von Kollegen und Führungskräften in vielen Fällen nicht gut aufgenommen, da sie Mehrarbeit für alle anderen bedeuten. Die daraus entstehende Frustration führt häufig zu einer negativen Sicht auf den Themenbereich mentale Gesundheit. Diese Sicht ist jedoch problematisch. Mentale Gesundheit ist bei vielen Menschen negativ assoziiert, da das Thema erst auftaucht, wenn daraus Krankheitsfälle entstanden sind. Dabei würde eine vorherige Beschäftigung mit mentaler Gesundheit dazu führen, dass einige dieser Krankheitsfälle vermieden werden könnten.

Denn mentale Gesundheit ist der Schlüssel zu Motivation, Bindung und Leistungsfähigkeit. Nur wenn sie beeinträchtigt ist, wird sie zu einem unbequemen Thema. Daher sollte im Arbeitskontext mehr auf Prävention gesetzt werden, anstatt nur die "Problemfälle" zu managen.

Verschlimmerung durch Stigmata und Schweigen

Ursachen und Auswirkungen von Stigmatisierung

Vielen Menschen fehlt noch das Verständnis dafür, dass psychische Beschwerden ebenso ernst zu nehmen sind, wie körperliche. Dieses Unwissen und die daraus entstehende falsche Bewertung psychischer Erkrankungen führt dazu, dass psychische Gesundheit weniger ernst genommen und teilweise sogar belächelt wird. Für Betroffene führt dies zu einem Rückzug. Sie trauen sich nicht, ihre Probleme rechtzeitig anzusprechen, beispielsweise aus Angst vor Verurteilung.

Die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen ist noch immer weit verbreitet. Betroffene werden als schwach, inkompetent oder "selbst schuld" erachtet, obwohl eine psychische Erkrankung jeden treffen kann. Diese negative Sicht auf mentale Belastungen führt dazu, dass Betroffene sich eher zurückziehen und durch die Isolation noch weitere mentale Belastung erfahren, was die Erkrankung erheblich verschlimmern kann.

Verschweigen der Belastung

Viele Betroffene verschweigen ihre mentale Belastung, beispielsweise aus Angst vor Verurteilung oder negativen Konsequenzen im Arbeitskontext. Wird mentale Gesundheit in Unternehmen nicht thematisiert, entsteht schnell der Eindruck, das Thema wäre nicht wichtig.

Daher sollte im Unternehmen eine Atmosphäre hergestellt werden, in der Mitarbeiter offen über mentale Gesundheit und etwaige Belastungen durch die Arbeit sprechen können. Führungskräfte sollten hier mit gutem Beispiel vorangehen und das Thema selbst aufgreifen, beispielsweise durch Maßnahmen zur Förderung der Gesundheit, die auch die mentale Gesundheit mit einschließen.

Frühwarnsignale erkennen und tätig werden

Auch wenn mentale Gesundheit im eigenen Unternehmen kein stigmatisiertes Thema ist, kann es Betroffenen dennoch schwer fallen, Gesundheitsprobleme anzusprechen. Führungskräfte sollten sich daher mit arbeitsbezogenen Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit befassen und auf Anzeichen für ein verringertes Wohlbefinden bei ihren Mitarbeitern achten. Verhaltensänderungen, Leistungsschwankungen oder Leistungsabnahme sowie Rückzug und Reizbarkeit können Anzeichen für mentale Schwierigkeiten sein, die ernst genommen werden sollten.

Führungskräfte sollten bei diesen Anzeichen das Gespräch mit dem jeweiligen Mitarbeiter suchen, um Belastungsfaktoren durch die Arbeit frühzeitig zu erkennen und bestenfalls auszuräumen, bevor ernsthafte Gesundheitsprobleme entstehen.

Mentale Gesundheit als Teil der Unternehmenskultur

Um mentale Gesundheit in der Unternehmenskultur zu verankern, ist zunächst ein einheitliches Verständnis dafür nötig. Das Team sollte über die Bedeutung mentaler Gesundheit aufgeklärt werden, Führungskräfte sollten hier als Impulsgeber und Vorbild agieren. Nur wenn Mitarbeiter und Führungskräfte erkennen, welche herausragende Rolle mentale Gesundheit für Lebensqualität und Arbeitsleistung spielt, können förderliche Maßnahmen implementiert und ein offener Dialog gefördert werden.

Mentale Entlastung kann im Arbeitsalltag beispielsweise durch klare Regeln, die Einhaltung von Pausenzeiten und die Öffnung von Entscheidungsräumen erreicht werden.

Weitere Ideen sind in der nachfolgenden Übersicht zu finden.

Unterstützung im Team

Bestehen im Team Unsicherheiten, die sich auf konkrete Arbeitsaufgaben beziehen, sind Peer-Mentoring-Programme eine gute Möglichkeit, diese Unsicherheiten auszuräumen und Arbeitsfähigkeit herzustellen. Dies stärkt auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Gesundheitsförderliche Angebote

Wollen Führungskräfte konkrete Angebote zur Förderung der mentalen Gesundheit durchführen, sollte hierbei Freiwilligkeit gelten. Pflichtprogramme können bei Mitarbeitern, welche noch Vorbehalte gegenüber dem Themenbereich haben, abschreckend wirken. Niedrigschwellige und freiwillige Angebote hingegen können die Neugierde und das Interesse wecken und so den Zugang zu mentaler Gesundheitsförderung erleichtern. Beispiele für gesundheitsförderliche Angebote, die häufig auch von Krankenkassen unterstützt werden, sind:

  • Kurse für Stressbewältigung

  • Entspannungsmethoden

  • Bewegungsförderung

Werte, Normen und Erwartungen

Hinsichtlich der Werte und Normen des Unternehmens sollte in der langfristigen Perspektive ein größeres Bewusstsein für mentale Gesundheit herrschen. Dazu kann es hilfreich sein, Leistung neu zu definieren und auf Nachhaltigkeit, statt Kurzfristigkeit zu setzen.

Auch ein kritisches Hinterfragen der Fehlerkultur im Unternehmen kann sich positiv auf die Arbeitsatmosphäre, das Gefühl der Zugehörigkeit und auch die mentale Gesundheit des Teams auswirken.

Unterstützen der Bedürfnisse

Darüber hinaus sollten die Bedürfnisse der Mitarbeitenden Beachtung finden. Berichten Mitarbeiter beispielsweise von langen Arbeitswegen, kann eine Home-Office-Option Stress und somit auch mentale Belastung reduzieren.

Auch die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie durch geregelte Arbeitszeiten, Home-Office, betriebliche Kinderbetreuung oder ähnliches kann zu einer Stärkung des Wohlbefindens führen.

Unterstützen der mentalen Gesundheit im Arbeitsalltag

Bildnachweis: Eigene Darstellung der Perwiss-Redaktion

Fazit: Mentale Gesundheit als Wettbewerbsvorteil 

Mentale Gesundheit ist zurecht ein absolutes Trend-Thema, welches die Arbeitswelt auch zukünftig noch stark beschäftigen wird. Unternehmen, die jetzt in die Gesundheit ihrer Angestellten investieren und nachhaltige gesundheitsförderliche Strukturen schaffen, werden auf lange Sicht im Vorteil sein. Motivierte, loyale und produktive Mitarbeiter sind der Lohn dieses Investments. Auch die Unternehmenskultur kann von mentaler Gesundheitsförderung profitieren, was wiederum die Attraktivität einer Arbeitgebermarke steigern kann. Gesunde Köpfe, starke Leistungen und weniger Kosten durch krankheitsbedingte Ausfälle sind starke Argumente für mentale Gesundheitsförderung im Arbeitskontext. 

Für Personaler und Führungskräfte liegt darin eine große Chance: mentale Gesundheit nicht nur zu schützen – sondern aktiv als Benefit und Erfolgsfaktor zu gestalten.

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