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Candidate Experience - Die positive Erfahrungen im Bewerbungsprozess

sichon - stock.adobe.com

Mit positiven Erfahrungen der Bewerbenden steigt nicht nur die Wahrscheinlichkeit, gute Fachkräfte mit geringerem Aufwand zu gewinnen. Gleichzeitig stärken Unternehmen damit nachhaltig ihre Arbeitgebermarke.

Was ist die Candidate Experience?

Candidate Experience fasst die gesamten Erfahrungen, die Bewerbende bei ihrer Candidate Journey (Bewerberreise) vom Erstkontakt bis hin zur Einstellung machen, zusammen. Auf dieser Bewerberreise sollen Kandidaten und Kandidatinnen an möglichst allen Kontaktpunkten (Touchpoints) positive Erfahrungen mit dem potenziellen Arbeitgeber sammeln.

Welche Ziele werden mit Candidate Experience Management verfolgt?

  • Aufbau einer emotionalen Bindung der Bewerbenden zu dem potenziellen Arbeitgeber bereits im Bewerbungsprozess
  • Senkung der Quote des Abbruchs der Bewerbung durch die Kandidatinnen und Kandidaten
  • Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, dass gute Bewerbende die Candidate Journey bis zur Einstellung absolvieren
  • Steigerung der Weiterempfehlungsrate durch Bewerbende
  • Förderung der Motivation, positive Bewertungen und Posts auf Arbeitgeberbewertungsportalen und in Social Media zu verfassen
  • Verbesserung des Arbeitgeberimages

Welche Stationen sind klassische Haltepunkte, an denen Kandidaten auf ihrer Reise mit Unternehmen in Berührung kommen?

Im Wesentlichen können sechs Stationen unterschieden werden, an denen Bewerbende die Reise fortsetzen oder abbrechen können. Dies sind:

  1. Informationssuche nach offenen Stellen oder einem potenziellen (neuen) Arbeitgeber
  2. Interesse an einer konkreten Stelle bzw. einem bestimmten Stellenangebot
  3. Kontaktaufnahme und Einholung weiterer Informationen (einschließlich Einholung von Informationen über den Bewerbungsprozess)
  4. Bewerbung über einen der möglichen Bewerbungskanäle
  5. Teilnahme am angebotenen Auswahlverfahren
  6. Rückmeldung zum Ergebnis des Auswahlverfahrens

Welche Touchpoints können Unternehmen nutzen, um Bewerbende positive Erfahrungen machen zu lassen?

  • Eigene Karrierewebseite
  • Stellenanzeigen
  • Online-Bewerbungsformular und Online-Kontaktformulare
  • Printmedien wie Ausbildungsflyer 
  • Messen und Firmenkontaktveranstaltungen
  • Telefonische Kontakte zum Unternehmen
  • Bewerberinterview
  • Direktansprache von Kandidaten und Kandidatinnen über verschiedene Kanäle (Active Sourcing)

Was sind die 7 größten Don'ts auf der Bewerberreise?

Mann mit Zettelmizirna - stock.adobe.comAchtung: Unzufriedene Bewerbende wirken sich nicht nur auf das Arbeitgeberimage, sondern auch auf die Attraktivität der Dienstleistungen und Produkte des Unternehmens aus. Somit schädigen negative Bewerbererfahrungen das Unternehmen gleich doppelt.

  • Webseite ohne oder mit schlechtem Karrierebereich: Eine leicht auffindbare, gut navigierbare und zielgruppenspezifische Karrierewebseite ist ein Muss, um im Recruiting erfolgreich zu sein. Sie ist für viele Bewerbende der erste Anlaufpunkt. Für eine große Anzahl von Bewerbenden ist hier die Reise schon zu Ende, weil ihnen der Webauftritt nicht gefällt.
  • Keine mobilfähige Webseite: Laut der Studie „Mobile Recruiting“ aus dem Jahr 2019 erhöht sich durch mobile Recruiting die Reichweite der Kandidatenansprache für 80 % der Unternehmen. PDF-Downloads, lange Ladezeiten oder schwer ausfüllbare Formulare vermiesen jedoch vielen Bewerbenden die Stimmung und führen zum Abbruch des Bewerbungsprozesses.
  • Keine oder stark verspätete Reaktionen auf eingehende Anfragen und Bewerbungen: Gerade die Generation Y und Z erwarten kurze Rückmeldezeiten. Dies sind sie bei diversen Social Media oder Messenger-Diensten gewöhnt. Als akzeptabel werden laut der o. g. Studie von Bewerbenden Rückmeldezeiten von ca. 6 Tagen angegeben. Der gesamte Bewerbungsprozess sollte laut der Studie „Candidate Journey 2017“ nicht länger als 6 Wochen dauern.
    PERWISS-TIPP: Vergessen Sie nicht, auch Absagen wertschätzend und zeitnah zu formulieren. Auch dies bringt Ihnen viele Pluspunkte und verhindert negative Eintragungen z. B. bei kununu.
    PERWISS-TIPP: Bieten Sie abgelehnten Bewerberinnen und Bewerbern eine Aufnahme in den Talentpool an. Oft passen Kandidaten und Kandidatinnen auf eine neue Stelle perfekt und Sie sparen sich einen kostenintensiven Auswahlprozess.
  • Nicht funktionierende, komplizierte oder umständliche Kontakt- und Bewerbungsformulare: Für Unternehmen sind standardisierte Formulare sehr günstig, um Daten zu erfassen und weiter zu bearbeiten. Bewerbende möchten nicht viel Zeit investieren, um kleine und komplizierte Felder auszufüllen. Mit Bearbeitungszeiten von mehr als 15 Minuten sinkt die Absprungrate im Bewerbungsprozess.
  • Fehlende oder unzureichende Erreichbarkeit von benannten Ansprechpartnern
  • Mangelnde zielgruppenspezifische Ansprache von Bewerbenden: Rund 70 % aller Jobsuchenden erwarten laut der Studie „Candidate Journey 2017“ vom Arbeitgeber Informationen über Unternehmenskultur und Unternehmenswerte.
  • Intransparenter Bewerbungsprozess: Jedem Bewerbenden bzw. jeder Bewerberin sollte klar sein, welche Bewerbungsschritte in welchen Zeiträumen durchlaufen werden müssen. Zwei gute Beispiele liefert die Firma AV TEST GmbH aus Magdeburg und das Unternehmen initOS GmbH.

PERWISS-TIPP: Vermiesen Sie nicht mit einem schlechten Onboarding gute Bewerbererfahrungen. Lösen Sie die im Bewerbungsprozess gemachten Versprechen ein!

Welche Kennzahlen sind Indikatoren für eine gute Candidate Experience?

Hier möchten wir Ihnen Anregungen für Indikatoren einer positiven oder negativen Candidate Experience aus verschiedenen Recruiting-Teilbereichen geben:

  • Bewerberbewertung auf kununu oder anderen Arbeitgeberbewertungsportalen
  • Absprungrate auf der eigenen Karrierewebseite
  • Anzahl wiederkehrender Besucher auf der Karrierewebseite
  • Rückmeldezeit nach Eingang von Anfragen per E-Mail
  • Rückmeldezeit nach Eingang von Bewerbungen per E-Mail oder per Kontaktformular
  • Rückmeldezeit nach dem Bewerbungsgespräch
  • Dauer von der Personalbedarfsmeldung bis zum Interview (Time-to-Interview)
  • Anzahl der Bewerbungen aufgrund der Weiterempfehlung von anderen Bewerbenden (Bewerberweiterempfehlungsrate)
  • Zeit zwischen Bewerbungseingang und Bewerbungsgespräch

PERWISS-TIPP: Lesen Sie unsere Informationen zum Personalcontrolling mit vielen hilfreichen Kennzahlen.

Informationen zum Autor dieses Beitrags

oliver lilieFoto: Dirk Mahler

Oliver Lilie ist Arbeitswissenschaftler und geprüfter HR-Manager. Seit 1998 leitet er die MA&T Organisationsentwicklung GmbH als geschäftsführender Gesellschafter. Er begleitet und berät Unternehmen bei der Strategieentwicklung und der Gestaltung von Arbeitsprozessen. Führung, Personalmanagement und Change zählen zu seinen Trainingsthemen. Als einer der Hauptredakteure auf Perwiss befasst er sich insbesondere mit Arbeit 4.0, Führung und New Work.